80. Zuger OL: «Jeder Posten, den man abstempelt, ist Glücksmoment»

    Michael Schwegler
    Michael Schwegler

    Region Zug,

    Der Zuger OL feierte kürzlich sein 80. Jubiläum. Dabei zeigt sich, wie vielfältig sich der Orientierungslauf entwickelt hat.

    Den Posten immer fest im Blick halten.
    Den Posten immer fest im Blick halten. - Sandrine Müller

    Der Zuger Orientierungslauf hat viele Veränderungen erlebt. Als «Zuger Mannschafts-OL» fand der Anlass ursprünglich im Wald statt. Das Wettkampfgebiet war unbekannt, und zum Start wurden die Teilnehmenden teils mit Militärlastwagen gebracht.

    «Typisch für Zug», sagt Moritz Keller, Mitorganisator des Zuger OL. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Die Stadt ist zum Wettkampfgebiet geworden, Teams und Einzelpersonen können an den Start gehen und auch Familien finden ihren Platz. 2006 übernahm die OLV Zug die Gesamtverantwortung für den Anlass.

    Seit 2015 gibt es – abgesehen von den Familienkategorien – keine eigenen Team-Kategorien mehr. Keller hat diese Entwicklung mitverfolgt, für ihn steht der Zuger OL beispielhaft für den Wandel der gesamten Sportart. Der Orientierungslauf sei längst nicht mehr nur ein ergänzendes Angebot für einige wenige.

    Das Teilnehmerfeld habe sich stark verbreitert. Neben dem klassischen Wald-OL sei mit dem urbanen OL eine zweite Spielart entstanden. Gerade diese Entwicklung lässt sich am 80. Zuger OL besonders beobachten. Wo früher der Wald die Kulisse bildete, verläuft der Weg heute zwischen Häusern, Strassen, und Parkanlagen den Weg finden.

    Hinter jedem Posten steckt Arbeit

    Für die Teilnehmenden sieht ein OL zunächst einfach aus: Karte in die Hand nehmen, loslaufen, Posten finden, Zeit stoppen. Hinter diesem scheinbar unkomplizierten Ablauf steckt jedoch viel Vorbereitung. Bevor überhaupt jemand starten kann, muss die Karte stimmen.

    Der Fingerchip muss nur auf den Posten gehalten werden und weiter geht es.
    Der Fingerchip muss nur auf den Posten gehalten werden und weiter geht es. - Martin Moser

    Das bedeutet für die Organisatoren, das Gelände zu begehen, geeignete Objekte zu suchen und Bereiche zu erkennen, die nicht betreten werden dürfen. Auch Baustellen oder Veränderungen im Stadtgebiet müssen berücksichtigt werden. Für die Erstellung einer neuen Karte rechnet Keller mit rund eineinhalb bis zwei Wochen Arbeit.

    Wird ein Gebiet später erneut verwendet, muss die Karte immer wieder überarbeitet werden. Noch einmal anders wird es bei der Bahnlegung. Vier bis fünf Begehungen des Geländes können dafür notwendig sein.

    Wo lässt sich ein Posten sinnvoll platzieren? Welche Route ist für erfahrene Läuferinnen und Läufer anspruchsvoll? Und wo findet sich ein interessanter, aber lösbarer Posten für Anfänger?

    «Eine aufwändige, aber interessante Aufgabe», nennt Keller diese Arbeit. Besonders sorgfältig geplant werden müssen Querungen stark befahrener Strassen. Bei der Ägeristrasse etwa braucht es Lotsen, die für Sicherheit sorgen.

    Zusätzlich wird die Zeit der Läuferinnen und Läufer für die Querung neutralisiert. Am Wettkampftag selbst werden schliesslich durch fünf Helfer 56 Posten gesetzt und periodisch kontrolliert. Zahlen, die zeigen, wie viel Organisation hinter einem Anlass steckt.

    Und wie fühlt sich so ein Tag für jemanden an, der mitorganisiert? Keller hat dafür ein ungewöhnliches Bild. Aus seiner früheren Tätigkeit bei der Inbetriebsetzung von Sicherheitsanlagen: «Eine gute Inbetriebnahme ist, wenn es mir langweilig ist.»

    Langweilig wird es beim OL nicht. Es gibt immer etwas zu klären, irgendwo fehlt vielleicht ein Posten oder eine Frage eines Teilnehmenden muss beantwortet werden. Auch Reklamationen können vorkommen.

    Disqualifikationen seien hingegen äusserst selten. Für Keller gehört genau das zum Reiz der Organisation: Alle helfen dort, wo es gerade nötig ist – auch wenn eine Aufgabe eigentlich nicht zum eigenen Bereich gehört.

    Region Wohlen
    Für die Teilnehmenden sieht ein OL zunächst einfach aus: Karte in die Hand nehmen, loslaufen, Posten finden, Zeit stoppen. (Symbolbild) - keystone

    Und dann gibt es noch eine Person, die am Wettkampftag möglichst wenig Arbeit haben soll: der Arzt oder die Ärztin. Unfälle seien zum Glück selten, kleinere Verletzungen wie Verstauchungen könnten vorkommen.

    Fingerchip ersetzt Löchlizange

    Nicht nur der Anlass an sich ging mit der Zeit, ebenfalls weiterentwickelt hat sich die Technik. Keller erinnert sich an eine Zeit, in der OL-Karten noch als schwarz-weisse Kopien der Landeskarte vorlagen.

    In den 1970er-Jahren entstanden die ersten speziell aufgenommenen OL-Karten. Vom Vermessen des Geländes bis zum Zeichnen bedeutete das einen enormen Aufwand. Heute wird die Karte am Computer erstellt.

    Eine besondere Rolle spielt dabei OCAD – eine Software für OL-Karten, die ihren Ursprung in Zug hat. Präzise digitale Grunddaten und Höhenkurven stehen zur Verfügung und erleichtern die Arbeit. Im Wettkampf ist die Zeit der Lochzangen vorbei.

    Früher wurden die Posten mit Farbstempeln oder «Löchlizangen» quittiert. Deren Auswertung konnte den Einsatz von bis zu 20 Helferinnen und Helfern erfordern. Heute genügt ein Chip am Finger.

    Die Zeiten werden elektronisch erfasst, Ranglisten sind praktisch sofort verfügbar und Zwischenzeiten können detailliert ausgewertet werden. Wer möchte, kann seine Laufroute später sogar mit GPS analysieren erzählt Keller. «Einfachere Abläufe, mehr Informationen», fasst Keller die Entwicklung zusammen.

    Eine Sache hat sich allerdings nicht digitalisieren lassen: «Es braucht auch heute noch dutzende Helferinnen und Helfer für die ganze Organisation.» Warum also macht man das alles? Für Keller ist die Antwort erstaunlich unkompliziert: «OL macht Spass.»

    Hinter dieser kurzen Antwort steckt für ihn die besondere Verbindung von körperlicher Leistung und Denken. Wer schneller läuft, gewinnt nicht automatisch. Wer die Karte falsch liest, kann den Vorsprung schnell wieder verlieren.

    Jede Route muss selbst gewählt werden. «Meine Entscheidung», nennt Keller diesen Aspekt der Sportart.

    Hast du schon einmal an einem OL teilgenommen?

    Auch Monika Weber von der Laufleitung beschreibt genau diese Mischung als besonderen Reiz. «Beim OL ist immer ein bisschen Abenteuer dabei, da man erst am Start weiss, was einen erwartet», sagt sie.

    Während des gesamten Laufs müsse man ein Gleichgewicht zwischen Lauftempo und sauberem Kartenlesen finden. Und dann kommt der Moment, in dem der gesuchte Posten tatsächlich gefunden wird.

    «Bei jedem Posten, den man abstempelt, ist das dann ein kleiner Glücksmoment», sagt Weber. «Das macht fast süchtig.» Es ist eine andere Art von Spannung als bei klassischen Rennen.

    Die Konkurrenten laufen zwar im selben Wettkampf, doch jeder ist gleichzeitig mit seiner eigenen Karte, seiner eigenen Route und seinen eigenen Entscheidungen beschäftigt.

    Mehr als eine Schnitzeljagd

    Eine Herausforderung hat der Orientierungslauf dennoch: Seine Bekanntheit hält nicht ganz mit seiner sportlichen Entwicklung Schritt. Weber erlebt immer wieder, dass Menschen noch immer glauben, beim OL gehe es darum, im Wald Fragen zu beantworten.

    «OL erhält sehr wenig Medienpräsenz», sagt sie. Dabei findet der Sport längst auf höchstem Niveau statt. Internationale Wettkämpfe werden im Fernsehen übertragen, und Athleten wie Matthias Kyburz haben den Schweizer Orientierungslauf auch einem breiteren Publikum bekannt gemacht.

    Wer einen solchen Wettkampf einmal verfolgt, erkennt schnell, dass es um weit mehr als eine Schnitzeljagd geht. Geschwindigkeit, Konzentration, Kartenverständnis und Entscheidungen kommen zusammen.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.

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