Von 1941! Historische Wandmalerei in Zug freigelegt

Mit dem Abbruch des Hauses «Urania» beim Zuger Bahnhof ist eine jahrzehntelang verborgene Fassadenmalerei aus dem Jahr 1941 wieder zum Vorschein gekommen.

Mit dem Abbruch des Hauses «Urania» an der Alpenstrasse beim Zuger Bahnhof ist eine monumentale Fassadenmalerei aus dem Jahr 1941 zum Vorschein gekommen.
Die in Teilen gut erhaltene Wandwerbung für die Bernina-Nähmaschinen an der Nordfassade der Alpenstrasse 14 blieb während Jahrzehnten zwischen den Gebäuden verborgen.
Die fensterlose Brandmauer des Hauses «Terminus», das 1934 nach Plänen der Zuger Architekten «Keiser & Bracher» als eine der ersten Stahlskelettbauten der Innerschweiz realisiert wurde, war bis 1948 sichtbar.
Dann wurde das nördlich daran anschliessende Haus «Urania» gebaut und die freistehende Fassade abgedeckt. 1941 bemalte man die nördliche Brandmauer der Alpenstrasse 14 mit einer monumentalen Wandgrafik, welche für die damals schweizweit gefragten Bernina-Nähmaschinen warb.
Blütezeit der Werbeplakate
Die gestalterische Grundlage lieferte das 1933 entstandene Plakat «Näh’ mit Bernina» des Zürcher Grafikers Arnold Bosshardt (1898–1974). Das Plakat gehört zur Blütezeit der Schweizer Werbegrafik in der Zwischenkriegszeit.
Es verbindet die klare Botschaft eines Sachplakats mit einer erzählerischen, emotionalen Bildsprache, wie sie in den 1930er-Jahren zunehmend an Bedeutung gewann.
Hochwertige Schweizer Plakatkunst
Die fotorealistisch dargestellte Bernina-Nähmaschine auf der Hausfassade vermittelt die damaligen Vorstellungen von Modernität, handwerklichem Können und häuslicher Kultur. Der Markenname «Bernina» ist gross und prägnant gesetzt und verbindet Bild und Botschaft zusammen mit der Aufforderung «Näh' mit Bernina».
Das ursprüngliche Plakatmotiv eignete sich hervorragend für eine Fassadenmalerei. Die klare Komposition, die kräftigen Farben und die gut lesbare Typografie liessen sich problemlos auf eine Hauswand übertragen.
Die im Mai 1941 in Zug ausgeführte Wandmalerei ist ein selten erhaltenes Beispiel dafür, wie hochwertige Schweizer Plakatkunst in den öffentlichen Raum übertragen und als dauerhafte Aussenwerbung konzipiert wurde. Wer das Fassadenbild gemalt hat, ist nicht bekannt.
In Frage kommen spezialisierte Dekorationsmaler aus der Region, welche das kleinformatige Sujet des Grafikers mittels Rastersystem vergrösserten und auf die monumentale Fassade übertrugen.
Fassadenwerbung für Eisenbahnreisende
Die Positionierung der monumentalen Bernina-Wandwerbung an der Alpenstrasse 14 ist kein Zufall. Das fünfgeschossige Gebäude mit Attika und der markanten Mauer liegt unmittelbar beim Bahnhof Zug und war von den Zügen auf dem damaligen Gleis 1 der Gotthardlinie aus (heute Gleis 2) gut sichtbar.

Für Reisende Richtung Süden bot die riesige Fassadenmalerei einen eindrucksvollen Anblick, und für die Schweizer Nähmaschinen-Marke «Bernina» eine überdimensionale Werbefläche mit täglichen Blickkontakten.
Erste Haushalts-Nähmaschine
Der Aufstieg der Marke «Bernina» begann in den 1930er-Jahren mitten in der Weltwirtschaftskrise durch die Zusammenarbeit des St. Galler Stickerei-Fabrikanten Wilhelm Brütsch (1881–1943) und des Nähmaschinen-Herstellers Fritz Gegauf (1893–1980) im thurgauischen Steckborn.
Brütsch entwickelte die neue Haushalt-Nähmaschine der Schweiz, Gegauf übernahm die Produktion. Für die neue Marke wählte man den Namen «Bernina», nach dem bekannten Bündner Viertausender «Piz Bernina».
Der Prototyp wurde am 4. September 1932 in Luzern vorgestellt und noch im selben Jahr begann die Serienproduktion der Haushalt-Nähmaschine «Bernina Klasse 105».
Schützenswerte Fassadenkunst
Das Haus «Terminus», an dem sich das Fassadenbild befindet, ist gemäss Auskunft der kantonalen Denkmalpflege im Denkmalinventar als «schützenswert» eingestuft. Das Fassadenbild war bis anhin nicht bekannt und soll jetzt fotografisch dokumentiert werden.
Bald wird es vom nördlich anschliessenden Neubau wieder verdeckt werden. Damit würde die «kleine Sensation für Zug» zwar wieder unsichtbar, bliebe aber für die Nachwelt als einzigartiges Beispiel der historischen Schweizer Reklamemalerei erhalten.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.






