Zug

    Zuger Sehbehinderte: Mehr Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum

    Michael Schwegler
    Michael Schwegler

    Region Zug,

    Adrienn Seifert reist gerne und lässt sich auch von unbekannten Orten nicht abhalten. Mit ihrem Blindenführhund ist sie selbstständig unterwegs.

    Oberägeri bietet Adrienn und Unyx ein Gebiet von Naherholung und nähe zu 
städtischen Zentren.
    Oberägeri bietet Adrienn und Unyx ein Gebiet von Naherholung und Nähe zu städtischen Zentren. - Michael Schwegler

    Adrienn Seifert ist sehbehindert. Ihr Alltag zeigt, wie viel Selbstständigkeit der öffentliche Verkehr ermöglicht und wie schnell fehlende Orientierungshilfen eine Reise erschweren können.

    Ein eingespieltes Team

    Seit acht Jahren lebt Seifert in Oberägeri. Die gute Anbindung an Zug, Luzern und Zürich schätzt sie besonders. Die 40-Jährige ist gerne unterwegs und entdeckt sowohl in der Schweiz als auch im Ausland neue Orte.

    Mit dem Zug oder dem Bus zu reisen, bedeutet für sie Freiheit: Sie kann selbst entscheiden, wohin sie möchte, und ist nicht darauf angewiesen, dass sie jemand begleitet. An ihrer Seite ist dabei stets ihr Blindenführhund Unyx. Der elfjährige Hund begleitet Seifert schon seit Jahren.

    Die beiden sind ein eingespieltes Team. Unyx hilft ihr, sich im Alltag zurechtzufinden, Hindernisse zu umgehen und Wege sicher zurückzulegen. Adrienn Seifert hat Jura studiert und lange als Juristin in Zürich gearbeitet.

    Unyx unterstütz Adrienn beim einsteigen in den Bus.
    Unyx unterstützt Adrienn beim Einsteigen in den Bus. - Michael Schwegler

    Zudem engagierte sie sich mehrere Jahre im Vorstand des Blindenbundes. Ihre Sehbehinderung begleitet sie seit ihrer Kindheit. Auf dem linken Auge sieht sie nichts mehr, auf dem rechten verfügt sie noch über rund fünf Prozent Sehkraft.

    Grosse Gebäude, Figuren oder auffällige Werbelogos kann sie teilweise erkennen. Solche Orientierungspunkte helfen ihr, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Auf vertrauten Strecken kennt Unyx die Abläufe.

    An einem unbekannten Bahnhof sieht die Situation anders aus. Dann muss Adrienn Seifert wissen, wo sie aussteigt, welche Unterführung sie nehmen muss und wie sie zum richtigen Perron oder zur nächsten Haltestelle gelangt. Eine Reise, die andere spontan antreten, will deshalb gut vorbereitet sein.

    Wenn die Orientierung fehlt

    Für Adrienn beginnt eine Reise nicht erst am Bahnhof. Sie plant ihre Wege im Voraus und überlegt sich, wo sie im Zug am besten einsteigt, wie sie den Anschluss erreicht und welche Route sie nehmen muss. Die Umsteigezeiten sind oft knapp.

    Wer den falschen Ausgang erwischt oder eine Unterführung in die falsche Richtung nimmt, verliert wertvolle Zeit. Das kann dazu führen, dass der Anschluss nicht mehr erreichbar ist. Besonders schwierig wird es, wenn wichtige Orientierungspunkte fehlen.

    Adrienn Seifert hört zwar, dass ein Bus einfährt, kann aber nicht immer erkennen, ob sie an der richtigen Stelle wartet. Markierungen am Boden geben blinden und sehbehinderten Menschen eine wichtige Orientierung. Fehlen solche Leitlinien oder sind Wege nicht eindeutig erkennbar, wird es schwieriger, sich selbstständig zurechtzufinden.

    Hinzu kommt der Lärm. Baumaschinen, Gespräche und einfahrende Züge können Durchsagen übertönen. Für Adrienn Seifert sind akustische Informationen wichtig, um zu erfahren, welcher Zug einfährt oder ob sich eine Verbindung ändert.

    Geht eine Durchsage im Lärm unter, fehlt ihr eine entscheidende Information. Sie muss dann nachfragen oder sich anderweitig orientieren. In solchen Situationen bittet sie andere Reisende um Hilfe.

    Meistens erlebt sie dabei Hilfsbereitschaft. Trotzdem ist Unterstützung nicht immer selbstverständlich. Viele Menschen schauen auf ihr Smartphone oder tragen Kopfhörer und nehmen kaum wahr, was um sie herum geschieht.

    Sehbehinderte Personen mit Stöcken
    Damit das Unterwegssein gelingt, braucht es eine Umgebung, die niemanden unnötig ausbremst. (Archivbild) - keystone

    Läuft jemand in ihren weissen Stock, ist das ein Schreckmoment. Der Stock hilft ihr, Hindernisse frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig signalisiert er ihrer Umgebung, dass sie sehbehindert ist.

    Helfen beginnt mit einer Frage

    Adrienn Seifert wünscht sich deshalb mehr Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum. Wer bemerkt, dass eine blinde oder sehbehinderte Person am Bahnhof nach Orientierung sucht, darf sie direkt fragen, ob sie Hilfe benötigt. Oft genügt eine kurze Frage, um eine schwierige Situation zu erleichtern.

    Wichtig ist dabei, die betroffene Person selbst entscheiden zu lassen, ob sie Unterstützung möchte und welche Art von Hilfe sinnvoll ist. Denn nicht jede Person braucht in jeder Situation Hilfe. Seifert betont, dass niemand eine Absage persönlich nehmen sollte.

    Wird in unserer Gesellschaft aus deiner Sicht genug Rücksicht auf sehbehinderte Menschen genommen?

    Wer selbstständig unterwegs ist, kennt häufig eigene Strategien, um ans Ziel zu gelangen. Ein gut gemeintes Eingreifen kann die Orientierung sogar erschweren, wenn es nicht abgesprochen ist. Entscheidend ist deshalb, Hilfe anzubieten und die Antwort zu respektieren.

    Neben den Menschen an den Bahnhöfen und Bushaltestellen ist das Fahrpersonal ist eine wichtige Anlaufstelle. Mitarbeitende des öffentlichen Verkehrs sind im Umgang mit blinden und sehbehinderten Reisenden geschult und können Unterstützung leisten, wenn die Orientierung fehlt.

    Doch Barrierefreiheit darf nicht allein davon abhängen, ob gerade eine hilfsbereite Person in der Nähe ist. Es braucht auch eine Infrastruktur, die selbstständiges Reisen ermöglicht.

    Selbstständig unterwegs sein

    Für Adrienn bedeutet der öffentliche Verkehr Unabhängigkeit. Sie kann selbst entscheiden, wohin sie reist, neue Orte entdecken und ihren Alltag eigenständig gestalten. Dass sie dafür manchmal mehr planen muss als andere, hält sie nicht vom Reisen ab.

    Sie möchte unterwegs sein, Neues erleben und sich auf die Verbindungen verlassen können.

    Für Seifert bedeutet Barrierefreiheit, dass Wege zugänglich, Informationen verständlich und Umsteigeverbindungen erreichbar sind. Am Ende geht es um mehr als die Frage, ob jemand den richtigen Zug findet. Es geht darum, ob alle Menschen die Möglichkeit haben, selbstständig am öffentlichen Leben teilzunehmen.

    Adrienn Seifert zeigt mit ihrem Alltag, dass eine Sehbehinderung nicht bedeutet, auf Reisen verzichten zu müssen. Damit das Unterwegssein gelingt, braucht es jedoch eine Umgebung, die niemanden unnötig ausbremst. Selbstständig reisen sollte keine Glückssache sein.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.

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