Luzern: Wie eine Krebserkrankung das Körperbild junger Menschen prägt

Ein Team der Universität Luzern hat 62 Studien aus vier Jahrzehnten ausgewertet. Junge Krebsbetroffene brauchen laut der Übersicht individuelle Begleitung.

Dass eine Krebserkrankung das Verhältnis zum eigenen Körper verändert, gilt als naheliegend. Weniger klar ist, wann diese Veränderung tatsächlich belastet – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, für die das Aussehen ohnehin eng mit Identität und Zugehörigkeit verknüpft ist.
Dr. Céline Bolliger, Postdoktorandin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin, hat deshalb gemeinsam mit Dr. Peter Francis Raguindin, ebenfalls Postdoktorand an der Fakultät, und einem internationalen Team aus dem europäischen «STRONG-AYA»-Projekt die Forschung von vier Jahrzehnten ausgewertet.
Ihren Anfang nahm die Arbeit während Bolligers Forschungsaufenthalt bei Prof. Dr. Anne-Sophie Darlington an der University of Southampton in England, den ein Mobilitätsbeitrag der Graduate Academy der Universität Luzern ermöglichte. Aus über 700 gesichteten Titeln und Abstracts wurden 62 Studien aus zwanzig Ländern berücksichtigt, publiziert zwischen 1986 und 2026. Vier Jahrzehnte Forschung also, verdichtet auf eine Frage: Wie erleben junge Menschen mit und nach einer Krebserkrankung ihren veränderten Körper?
Vielschichtige Befunde
In den qualitativen Studien tauchen drei Bezugspunkte immer wieder auf: der eigene Körper vor der Erkrankung, die gesunden Gleichaltrigen und gesellschaftliche Schönheitsideale. Beschrieben werden Scham, sozialer Rückzug und das Gefühl, bei wichtigen Lebensschritten zurückzubleiben. Zugleich gingen Behandlungen wie Chemotherapie oder Operationen mit Amputation mit einem beeinträchtigten Körperbild einher.
Viele Studien berichteten mehrere Arten von Auswirkungen zugleich. Belastendes wurde am häufigsten beschrieben (57 Studien), Positives aber ebenfalls oft (39): ein neues Verhältnis zum eigenen Körper oder mehr Selbstakzeptanz. Manche erlebten, dass Gleichaltrige unverändert reagierten, was Normalität zurückgab.
Auch die quantitativen Studien fielen uneinheitlich aus: Einige Erhebungen zeigten ein schlechteres Körperbild als bei Gleichaltrigen ohne Krebs, andere keinen Unterschied, einzelne sogar eine positivere Wahrnehmung. Bolliger sagt einordnend: «Belastung entsteht nicht allein aus objektiven Unterschieden, sondern auch daraus, wie junge Menschen ihren Körper bewerten und einordnen.»
Differenziertere Sichtweise
Weil die Übersicht einen so langen Zeitraum abdeckt, wird auch sichtbar, wie sich das Konzept selbst gewandelt hat. Frühere Arbeiten fassten das Körperbild enger, als Frage sichtbarer, kosmetischer Veränderungen. In den letzten Jahren kamen weitere Dimensionen hinzu: das körperliche Erleben und die Funktionsfähigkeit ebenso wie Selbstbild und Selbstkonzept.
Damit erweitert sich auch, worüber Betroffene und Fachpersonen im Rahmen der psychosozialen Betreuung sprechen. Diese ergänzt die medizinische Behandlung und nimmt auch die psychischen und sozialen Folgen einer Krebserkrankung in den Blick.
Für diese Betreuung leitet das Team aus den gewonnenen Erkenntnissen ab, dass Unterstützung flexibel und individuell ausgerichtet sein sollte, mit Blick auf die jeweilige Entwicklungsphase, den Austausch mit Gleichaltrigen und die Rolle sozialer Medien. Einiges bleibt offen: Fast alle Studien stammen aus Nordamerika und Europa, erfassen meist nur einen Zeitpunkt und lassen offen, was am veränderten Körperbild krebsspezifisch ist und was zur normalen Entwicklung in diesem Alter gehört. Für das Team ist die Übersicht deshalb ebenso Bestandsaufnahme wie Ausgangspunkt für weitere Arbeiten.






