Sursee LU: Mit Sonnenmaske und Säbel blind auf die Gans

Am Martinstag, dem 11. November, findet in Sursee LU der Gansabhauet statt. Vor rund dreitausend Zuschauern schlagen Verkleidete blind nach einer toten Gans.

Der Gansabhauet ist eine überregional bekannte Brauchveranstaltung, die jeweils am Martinstag, dem 11. November, in Sursee stattfindet. Vor allem junge Männer, aber auch einige Frauen versuchen, einer am Hinterkopf aufgehängten, toten Gans mit einem stumpfen Dragonersäbel den Hals durchzutrennen. Dabei sind sie ihrer Sicht beraubt, weil sie eine Augenbinde (Zipfelmütze) tragen, dazu eine goldene Sonnenmaske und einen roten Mantel.
Bevor sie ihren je einzigen Hieb ausführen, ertasten sie – mit oft unbedarft erscheinenden Bewegungen – die Position des Federviehs, um die optimale Einschlagstelle ausfindig zu machen. Die Reihenfolge der Schläger wird durch das Los bestimmt. Bis die insgesamt zwei Gänse geköpft sind, erfolgen in der Regel zwischen fünf und zwanzig Hiebe.
Schauplatz der Handlung ist eine Bühne vor dem Rathaus, vor der sich rund dreitausend Zuschauer einfinden. Das Rahmenprogramm besteht aus verschiedenen Spielen für Kinder und Jugendliche wie Stangenklettern, Sackhüpfen oder Grimassenschneiden («Chäszänne» genannt, weil die Kinder zur Belohnung für ihr dargebotenes «Zänni» ein Stück Käse bekommen). Den Abschluss des Gansabhauet machen ein abendlicher «Räbeliechtli-Umzug» (Lichterumzug mit Laternen aus Herbstrüben) sowie festliche Mahlzeiten mit Gänsegerichten im Rathaus und in den umliegenden Restaurants.
Der Wert der Gans
Die Einbindung von Gänsen in gesellschaftliche Ritualpraktiken hat in Europa eine lange Geschichte. Von Flandern bis Italien und von Spanien bis Bayern lassen sich in spätmittelalterlichen Quellen diverse Belege für das Köpfen oder Strangulieren der Vögel im Rahmen von brauchtümlichen Wettspielen finden. Dies kommt nicht von ungefähr: Die Gans war bis weit ins moderne Zeitalter hinein ein besonders wertvolles Tier.
Ihr Fleisch galt als exquisit, ihre Leber als Delikatesse. Zudem lieferten die Federn nützliche Kiele zum Schreiben mit Tinte, und die Daunen eigneten sich ideal zur Herstellung von flauschigen Kopfkissen.
Letztlich zeugte auch der Schauwettkampf rund um das Federvieh von dieser hohen Wertschätzung, welche die vormoderne Gesellschaft den verschiedenen Rohstoffen der Gans entgegenbrachte. Das getötete Tier hatte den Stellenwert einer edlen Trophäe. Es war der kostbare Siegerpreis, den nur die Besten eines Wettbewerbs verdienten.
Noch heute erhalten in Sursee die beiden erfolgreichen Schlägerinnen oder Schläger zur Belohnung die von ihnen heruntergehauenen Gänsekörper, die sie sich dann meist von einem Metzger, Koch oder Gastwirt zubereiten lassen.
Die Terminierung des Gansabhauet ist auffällig: Er findet an Martini statt, einem in der Eidgenossenschaft und darüber hinaus historisch bedeutenden Zehntabgabe- und Markttag. Obwohl die älteste schriftliche Erwähnung des Brauchs nicht weiter als ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht, spricht vieles dafür, dass die Surseer ihre lokale Variante des kontinental verbreiteten Gänseschauspiels schon früher pflegten. Im Ancien Régime unterhielten die drei grossen Klöster St. Urban, Muri und Einsiedeln stattliche Residenzen in der Altstadt, die als herrschaftliche Verwaltungssitze für die jeweiligen Ländereien im Umland von Sursee genutzt wurden.
Naheliegend ist, dass am 11. November, dem Tag der obligaten Ablieferung der Abgaben durch die bäuerlichen Untertanen, vor Ort ausserordentlich viel Betrieb herrschte, und es ist plausibel, dass dabei einer der Klosterverwalter eine der soeben eingegangenen Gänse zur Volksbelustigung springen liess.
Der Spektakelfaktor
Beim ältesten erhaltenen Dokument, das über den Gansabhauet berichtet, handelt es sich um handschriftliche Notizen zur Ortsgeschichte, die 1858 verfasst und in die Kuppel der Surseer Kreuzkappelle eingelegt worden waren. Sie kamen anlässlich der Restaurierung des Gebäudes 1975 zum Vorschein und geben die Erinnerung eines Stadtbürgers an die letztmalige Durchführung des Brauchs «im Jahre 1821–1822» wieder. Der Beschreibung des Ritualvollzugs fügte der Autor den bezeichnenden Zusatz hinzu: «zur Aller Ergözen».
Als fünf Jahre nach der Niederschrift dieser Zeilen der Gansabhauet wieder aufgenommen wurde, rekurrierten die Organisatoren auf «das vor Altem übliche und so sehr belustigende Spiel», wie es ein Beobachter formulierte. Beide Bemerkungen heben ein wesentliches Merkmal der Brauchaufführung hervor, nämlich das Element der theatralischen Unterhaltung, oder zeitgemässer ausgedrückt: den Spektakelfaktor.
Schon anfangs des 19. Jahrhunderts sorgte das dreimalige Drehen um die eigene Achse unmittelbar vor dem Streich für verstärkte Orientierungslosigkeit des Schlägers. Tambouren unterlegten die Bewegungen mit ihren Trommelschlägen. Gegen Ende des Jahrhunderts kamen weitere Massnahmen hinzu.
Ein den Schlägern zuvor verabreichtes Glas Wein erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer ungeschickten Darbietung. Nebenher bildete sich ein ergänzendes Rahmenprogramm in der Art der damals besonders beliebten Jahrmarktswettbewerbe aus. Die Schaulustigen kamen zudem dank einer neuen, ausdrucksvollen Kostümierung auf ihre Kosten.
Nicht mehr ein Landmann in den Kleidern seines Standes führte nun den Hieb, sondern eine in kräftiges Rot gewandete Gestalt mit golden leuchtendem Sonnenantlitz. Die Vermutung, dass die Utensilien zur Verkleidung aus dem Requisitenzimmer der lokalen Theatergesellschaft stammten, ist nicht abwegig.
Das öffentlich inszenierte Köpfen einer Gans in einer dem Spektakel nicht abgeneigten Form rief in jüngerer Zeit immer wieder Kritiker auf den Plan. In einem Zeitalter, in dem das Schlachten von Nutztieren aus der alltäglichen Wahrnehmung der Menschen grösstenteils verbannt ist, fällt die Surseer Brauchveranstaltung tatsächlich aus dem Rahmen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch in einem Medienecho, das regelmässig weit über die Landesgrenzen hinausreicht.
Offensichtlich tangiert die Tradition des Gansabhauet einen sensiblen gesellschaftlichen Bereich: Letztlich geht es um die fundamentale Frage nach dem menschlichen Umgang mit dem Tier.
Verschwunden, neu erfunden
Die Wiederaufnahme der Brauchpraxis 1863 nach einem Unterbruch von mehr als vierzig Jahren geschah unter stark veränderten gesellschaftlichen, sozialen und politischen Vorzeichen, nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaats 1848. Zwar lassen sich die Promotoren des Revivals in den Schriftquellen nicht näher fassen, doch schon einige Jahre später erhielt die Trägerschaft deutlich erkennbare soziale Konturen. Im Jahr 1880 stiegen die Herren der örtlichen Zunft «Heini von Uri» in die Organisationsarbeit ein.
Sie fanden hier ein willkommenes Betätigungsfeld vor, um «das gesellige Leben zu pflegen», wie es eine Zweckbestimmung in den Statuten vorsah. In erster Linie war die vier Jahre zuvor entstandene Vereinigung allerdings eine Fasnachtsgesellschaft, die schon im Gründungsjahr über hundert Mitglieder aus der städtischen Bürgerschaft zählte. Einige dieser Zunftherren nahmen sich mit sichtbarem Elan auch dem Gansabhauet an und leiteten die formale und ästhetische Ausgestaltung der Kostümierung und Begleitspiele ein, die im Wesentlichen bis heute Bestand hat.
Trägerschaft
Die Mitglieder der Zunft «Heini von Uri» spielen in der Organisation und Repräsentation des Brauchanlasses nach wie vor eine bedeutende Rolle. In einem feierlichen Einzug unter Trommelklängen, der jeweils auf 15 Uhr angesetzt ist, bringen sie in ihrer Tracht die beiden toten Gänse zum Rathausplatz. Zwischenzeitlich scheint es im 20. Jahrhundert auch Phasen gegeben zu haben, in denen das Engagement der Zunftherren geringer ausfiel.
Eine zweite Stütze der Organisation besteht im «Gansabhauet-Komitee». Spätestens seit 1933, vermutlich aber schon länger, trägt es die Hauptverantwortung für die Durchführung der Veranstaltung. Im Jahr 2010 erhielt es den Rang einer offiziellen städtischen Kommission.
Von Seiten der Stadt nehmen gegenwärtig der Stadtpräsident, der Stadtschreiber, der Stadtarchivar und der Leiter des Werkdienstes Einsitz im Komitee, von Seiten der Zunft sind es der Zunftmeister und der Ausrufer.
Seit 1988 findet abends in der Tuchlaube des Rathauses ein offizielles Gansessen statt, an dem Komiteemitglieder, Behördenvertreter und Zunftangehörige teilnehmen. Die breite Bevölkerung hält sich an den traditionellen Gänseschmaus, der gleichzeitig in den meisten Gasthäusern der Altstadt angeboten wird. Hier zeigt sich ein weiterer Aspekt des Brauchanlasses, der für viele Surseerinnen und Surseer von zentraler Bedeutung ist: Seine Funktion als fixer sozialer Treffpunkt im Jahreslauf in einem von Mobilität und Fluktuation geprägtem gesellschaftlichen Umfeld.






