Schweizer Paar nach CSD-Anschlag: «Wir wollen nur noch weg»

Beni Durrer und sein Mann René wollen Berlin wegen der Sicherheitslage verlassen. Der Anschlag auf den CSD bestätigt sie in ihrem Entscheid.

Das Wichtigste in Kürze
- Beni Durrer und sein Mann René waren am Tag des CSD in Berlin.
- Aus Angst vor einem Anschlag blieben sie der Veranstaltung aber fern.
- Ab September leben sie mehrheitlich, ab Dezember ganz in Luzern.
- Nach dem Anschlag wollen sie Berlin nur noch selten besuchen.
Man kennt Beni Durrer (57) und seinen Ehemann René Durrer-Lehmann (58) aus der SRF-Sendung «SRF bi de Lüt – Heimweh».
Darin erzählte das Schweizer Paar, warum es Berlin nach vielen Jahren verlassen und in Luzern neu anfangen will. Kriminalität, homophobe Anfeindungen und das Gefühl, sich nicht mehr frei bewegen zu können, machten den beiden zunehmend zu schaffen.
Nun kam es am Berliner Christopher Street Day zu einem tödlichen Anschlag.
Auch Beni und René waren an diesem Tag in der Stadt. Doch sie blieben der Veranstaltung bewusst fern.
«Wir hatten schon vermutet, dass etwas passieren würde, und wollten diesmal nicht hingehen», sagt Beni zu Nau.ch.
Früher gehörte der CSD für die beiden fest zu Berlin. Sie besuchten ihn regelmässig und waren sogar selbst Teil des Umzugs. «Wir haben uns für Freiheit und Liebe und gegen Rassismus eingesetzt.»
«Wir hatten beide ein komisches Gefühl»
Dieses Jahr war alles anders.
Beni und René waren mit dem Umzug ihres Lagers beschäftigt. Zweimal kam Beni dabei am Nollendorfplatz vorbei, wo sich bereits zahlreiche Menschen versammelt hatten.
Am Abend waren die beiden gegen halb neun zu Hause. Noch einmal losziehen wollten sie nicht. «Wir wollten nicht mehr weg, weil wir beide ein komisches Gefühl hatten», erzählt Beni.
Schon zuvor habe er seinem Mann gesagt, dass es dieses Mal «richtig knallen» könnte. Er rechnete mit einem Angriff dort, wo sich besonders viele Menschen aufhielten. Und ihre böse Vorahnung sollte sich bewahrheiten.
Als die beiden später über Facebook vom Anschlag erfuhren, fühlten sie sich in ihrer Sorge bestätigt. Mehrere Mitarbeitende von Beni (sie führen einen Beauty-Conceptstore mit Make-up und Friseur) waren zu diesem Zeitpunkt am CSD. Sie blieben unverletzt und hatten den Ort zum Teil bereits verlassen.
«Gott sei Dank waren sie nicht betroffen oder schon früh genug zu Hause», sagt der Visagist.
Seine Gedanken seien nun auch bei den Menschen, die den Anschlag miterleben mussten. Denn nicht nur körperliche Verletzungen könnten lange nachwirken.
«Mein Mann war in Israel selbst in ein Attentat verwickelt. Das hinterlässt Spuren.»
«Berlin ist nicht mehr unsere Stadt»
Für Beni und René ist der Anschlag eine weitere Bestätigung dafür, Berlin zu verlassen. «Wir wollen nur noch weg», sagt Beni. «Berlin ist nicht mehr unsere Stadt.»
Die beiden trauern vor allem der Zeit nach, in der sie sich in der deutschen Hauptstadt noch frei und sicher fühlten.
Inzwischen haben sie in Luzern einen Beauty-Laden eröffnet und eine Wohnung gefunden. Noch pendeln sie zwischen der Schweiz und Berlin.
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Damit soll jedoch bald Schluss sein. Ab September soll Luzern ihr Hauptwohnort werden, bis Ende Jahr wollen sie ganz in der Schweiz leben. Nach Berlin möchten sie künftig nur noch reisen, wenn es nötig ist. Um das Geschäft vor Ort kümmere sich ein eingespieltes Team.
Auch den Berliner CSD wollen Beni und René künftig meiden. Ganz auf solche Veranstaltungen verzichten möchten sie aber nicht.
«Es gibt andere CSDs, die schöner und sicherer sind», sagt Beni.
«Wir fühlen uns im Stich gelassen»
Der Polizei macht Beni nach dem Anschlag keinen Vorwurf. Die Einsatzkräfte hätten gute Arbeit geleistet.
Seine Kritik richtet sich an die Politik.
«Die Politiker haben schon seit Jahren versagt», sagt er. «Wir fühlen uns absolut im Stich gelassen», sagt Beni gegenüber Nau.ch.
Beni habe sich früher selbst im Quartierverein rund um sein Berliner Geschäft engagiert. Gemeinsam mit anderen Gewerbetreibenden habe er sich regelmässig mit dem Bürgermeister im Rathaus Schöneberg getroffen.
Dabei seien Vorschläge gemacht worden, wie die Strassen sicherer werden könnten.
«Nach zwei Jahren Reden um den heissen Brei und immer neuen Ausreden habe ich meinen Austritt erklärt und aufgegeben», sagt Beni. «Die wollen nichts verändern.»
Nun fordert er strengere Gesetze, mehr Kompetenzen für die Polizei und eine raschere Umsetzung von Gerichtsentscheiden. Gleichzeitig betont Beni, dass sich seine Kritik nicht pauschal gegen Geflüchtete oder Menschen mit Migrationsgeschichte richte.
«Mir tun die Menschen leid, die sich hier integriert haben und nun unter diesen Idioten leiden müssen, weil auch sie komisch angeschaut werden», sagt er.
Man dürfe nicht alle in einen Topf werfen. «Wir können sehr gut differenzieren. Wir sind keine Rassisten.»
«Wir fühlen uns in Luzern zu Hause»
In Luzern erleben Beni und René ihren Alltag deutlich entspannter. «Die Menschen sind so nett und freundlich, und wir wurden toll aufgenommen», sagt Beni.
Er habe nicht erwartet, dass die Luzernerinnen und Luzerner so offen seien. Als schwules Paar fühlten sie sich in der Stadt sicher und willkommen.
«Wir fühlen uns schon sehr zu Hause in Luzern.»
Der Anschlag in Berlin habe ihren Entscheid deshalb nur noch einmal bestätigt: Ihre Zukunft sehen Beni und René in der Schweiz.










