Zuger Sprinterin Di Tizio-Frey ist schnellste Pharmazeutin der Welt!

Zuger Sprinterin im Schnell-Zug: Géraldine Di Tizio-Frey (29) läuft an der Leichtathletik-EM in der 4x100-Meter-Staffel zu Silber.

Die Zuger 100-Meter-Sprinterin Géraldine Di Tizio-Frey nennt sich auf ihrer Homepage «Schnellste Pharmazeutin der Welt» – keine Übertreibung. Im Sommer 2025 schloss Géraldine an der ETH Zürich ihr Masterstudium in Pharmazie ab.
Am 26. Juni 2026 lief die Zugerin im Zürcher Letzigrund mit 10,96 Sekunden unter 11 Sekunden und holte sich den Schweizer Meistertitel.
Mit dieser Zeit ist die Pharmazeutin auch heute noch die schnellste Europäerin über die 100 Meter. Und am vergangenen Samstag erlebte sie an der Leichtathletik-EM im englischen Birmingham ihren bisherigen Karriere-Höhepunkt: Silbermedaille in der 4x100-Meter-Staffel.
Zunächst ein Nackenschlag
Dabei begannen die Europameisterschaften für die Zugerin alles andere als ideal. Im 100-Meter-Einzelsprint lief Di Tizio-Frey als Dritte im Alexander Stadium über die Ziellinie, dachte sie. Auch auf der Anzeigetafel leuchtete hinter ihrem Namen die Zahl 3. Teamkollegin Salomé Kora herzte sie bereits.
Doch wenige Sekunden später hätte sich die Pharmazeutin am besten Psychopharmaka verschrieben. Kurz nach dem Zieldurchlauf wurde aus der 3 eine 4. Offenbar war die Belgierin Delphine Nkansa auf der Zielgeraden an ihr vorbeigelaufen. Was für ein Nackenschlag.
Im Interview mit SRF sagte die niedergeschlagene Zuger Athletin: «Ich hatte mich eigentlich schon gefreut. Man sieht die «3» und dann …. Ja. Es tut weh. Ich habe das Gefühl, ich hatte es in den Beinen.»
Obwohl sie kurz darauf auch zugab: «Ich habe mich am Schluss wieder etwas verkrampft. Am Ende hatte ich einen Mini-Krampf in der Wade.» Fünf Tage später ist die Enttäuschung vergessen.

Am Samstag jubelt Di Tizio-Frey als Startläuferin in der 4x100-Meter-Staffel über Silber. Ein Meilenstein in der Schweizer Leichtathletik-Geschichte. 12 lange Jahre hatten die Schweizerinnen auf diesem Moment gewartet.
2014 war an der Heim-EM in Zürich alles angerichtet: Mujinga Kambundji, Marisa Lavanchy sowie die Schwestern Ellen und Léa Sprunger standen im Final. Dann kam es zur Horror-Szene: Nach nur zwei Schritten glitt Kambundji der Stab aus der Hand, die Schweiz schied vor heimischem Publikum aus.
Zwei Jahre später schrammte die Schweiz an der EM in Amsterdam an den Medaillen-Plätzen vorbei – Rang 4.
2018 fehlen an der EM in Berlin nur 0,07 Sekunden zur Bronze-Medaille. Wieder der undankbare 4. Platz. 2019, Weltmeisterschaft in Doha. Wieder Rang 4. Es fehlen nur lumpige acht Hundertstel.
In Tokio 2021 laufen die Schweizerinnen im Vorlauf mit 42,05 Sekunden Schweizer Rekord. Am Ende? Sie werden es erahnen, wieder Rang 4. Bei Olympia 2024 wird die Schweiz nach einem zu späten Wechsel disqualifiziert.
4x100-Meter-Staffel der Frauen – Dramen über Dramen
Doch nach 12 langen Jahren ist das Warten endlich vorbei. Auch dank der Zugerin Géraldine Di Tizio-Frey. Die Pharmazeutin legt als Startläuferin vor.
Doch dann muss sie mitansehen, wie die beiden letzten Schweizerinnen das Glück fast aus den Händen werfen. Beim Wechsel von Léonie Pointet auf Salomé Kora passiert’s.
Die St. Gallerin Kora muss abbremsen. «Ich weiss nicht, was da passiert ist», sagt eine geschockte Kora danach, «ich habe eine absolute Vollbremsung hingelegt.» Di Tizio-Frey: «Ich hatte Angst, dass wir qualifiziert werden und konnte nicht auf den grossen Screen schauen.»
Als Kora den Stab dann endlich fest in der Hand hält, sind die Eidgenossinnen auf Rang 5 abgerutscht. Doch Kora zündet den Turbo. Und es reicht zur ersten Silbermedaille.

Di Tizio-Frey sagte zur «Basler Zeitung» mit Tränen in den Augen: «Es ist so schön. Wir wissen seit Jahren, dass wir es draufhaben, aber wir konnten es nie zeigen. Nun hatten wir eine so gute Stimmung im Team, es konnte einfach nur gut gehen.»
Keine 24 Stunden später steht Di Tizio-Frey in der Mixed-Staffel in Birmingham mit Silber-Medaillengewinnerin Fabienne Hoencke und den Männern Daryl Bachmann und William Reais wieder am Start. Doch wieder gibt’s Probleme beim letzten Wechsel von Reais auf Hoencke.
Am Schluss gibt’s mit 40,87 Sekunden zwar einen Schweizer Rekord, aber es fehlen 45 Hundertstel zu Bronze. Es ist ein weiterer 4. Rang. Di Tizio-Frey auf SRF: «Die Priorität in der Vorbereitung lag in den Einzelstaffeln bei den Frauen und Männern. In dieser Konstellation haben wir die Übergaben erst heute im Warm-up geübt.»
Eine andere Zugerin jubelt gar an der Junioren-Weltmeisterschaft. Die 200-Meter-Spezialistin Milla Tonazzi holt in Eugene im US-Bundesstaat Oregon mit der Staffel sensationell Silber. Nur die jungen Jamaikanerinnen sind schneller.
Zwei Athletinnen vom LK Zug
Der Leichtathletik Klub Zug schreibt stolz: «Zwei Athletinnen des LK Zug haben damit innerhalb einer Woche Sportgeschichte geschrieben. (…) Géraldine Di Tizio-Frey ist auch nach der EM in Birmginham die Schnellste in Europa. Milla Tonazzi zählt über die halbe Bahnrunde zu den schnellsten Juniorinnen Europas und der Welt.»
Di Tizio-Frey arbeitet übrigens auch mit ETH-Forschenden am Projekt Airshield, einer innovativen Vorrichtung zur Reduzierung des Luftwiderstandes beim Sprinten. Der Airshield ist ein U-förmiger Windschutz aus Plexiglas mit Rädern, der mit einem Gokart vor der Läuferin oder dem Läufer hergefahren wird.

Sensoren regeln die Geschwindigkeit, der Fahrer im Gokart muss nur lenken. Die Athleten und Athletinnen erreichen so auch im Training Wettkampfgeschwindigkeiten, die sonst nur durch einen erhöhten Adrenalinspiegel möglich sind.
Joël Mesot, Präsident der ETH Zürich, sagt über Di Tizio-Frey: «Als Spitzenathletin und angehende Pharmazeutin gelingt es Géraldine wie nur wenigen, Exzellenz in Sport und Wissenschaft so mühelos miteinander zu verbinden.»
Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.




