Zug

«Holen Zeit raus»: Hier kriegen Haustiere Krebs-Therapie

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Region Zug,

Was ist die Gesundheit des Haustiers einem wert? Diese Frage stellt sich in einer Zuger Krebs-Klinik für Hunde und Katzen täglich. Nau.ch spricht mit Besitzern.

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«Komme auf 15'000 Franken»: Die Therapie für Hund Max (bald 10) geht ins Geld. Er wurde wegen Krebs in der Nasenhöhle bestrahlt. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder dritte Hund und jede fünfte Katze erkrankt an Krebs.
  • «Krebs beim Haustier ist schon lange kein Todesurteil mehr», sagt Andrea Sumova von der AniCura-Tierklinik.
  • Die Tiere erhalten eine Chemo- oder Strahlentherapie. Nicht alle können nachvollziehen, warum das nötig ist.
  • Nau.ch war einen ganzen Tag lang mit der Kamera in der Krebs-Tierpraxis dabei.

Zuerst wirkt es wie ein harmloser Schnupfen, der einfach nicht mehr verschwinden will.

Doch dann werden die Beschwerden bei Hund Max (bald 10-jährig) immer schlimmer.

Nach mehreren Untersuchungen folgt die bittere Diagnose: Max hat in der Nasenhöhle einen bösartigen Tumor, ein sogenanntes Nasenkarzinom.

Hast du ein Haustier?

Für die Behandlung geht es ins Animal Oncology and Imaging Center (AOI Center) in Hünenberg ZG.

Die auf Krebs spezialisierte Tierklinik gehört zur Tierklinik-Gruppe AniCura, die wiederum Teil des Konzerns Mars Veterinary Health ist.

Dort wird Max’ Nase bestrahlt. «Der Prozess ist zeitfressend – das muss man wirklich einrechnen», erinnert sich seine Besitzerin Beata Neporova.

«Komme auf 15’000 Franken Behandlungskosten»

Zwei Wochen lang kommt der Hund täglich zur Strahlentherapie in die Klinik. Schon bald zeigen sich erste Erfolge, Max geht es trotz der Diagnose deutlich besser.

Doch die Behandlung hat auch ihre Schattenseiten. «Er hatte Verbrennungen im Maul. Das hat nicht so schön ausgesehen. Ich hatte wirklich Angst.»

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Hündin Luna wird bestrahlt: Für die Strahlentherapien müssen Haustiere in eine leichte Narkose gelegt werden. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Die Entscheidung bleibt belastend. «Ich überlege mir jeden Tag, ob die Behandlung das Richtige für ihn ist.»

Auch finanziell ist die Therapie eine grosse Belastung. «Wenn ich alles zusammenrechne, komme ich auf 15’000 Franken.»

Dieser Beitrag beinhaltet die Gesamtkosten für Diagnose, Bestrahlung und die anschliessende Therapie.

Die Zahl beinhaltet auch Voruntersuchungen, die nicht im AOI Center gemacht wurden.

«Gebe wegen Max jetzt weniger für mich aus»

Unterstützung erhält sie aus dem Umfeld. Gleichzeitig sagt sie: «Ich gebe jetzt weniger für mich aus, da Max Prio hat.»

Die Frage, ob so viel Geld für ein Haustier gerechtfertigt ist, steht im Raum.

Kritik komme meist von Menschen ohne eigene Tiere, ist Neporova überzeugt. «Besitzer hinterfragen das aber nicht, wenn man die finanziellen Möglichkeiten dazu hat.»

Für sie ist klar: «Das macht man einfach, da hat man die Verantwortung.» Deshalb soll man alle Möglichkeiten ausschöpfen, damit es dem Tier besser geht.

«Krebs beim Haustier ist schon lange kein Todesurteil mehr», bestätigt Andrea Sumova. Die Medizinphysikerin leitet das AniCura AOI Center in Hünenberg.

Lebensqualität soll verbessert werden

Der Standort gilt als eines der führenden Zentren für Onkologie, Strahlentherapie und Radiologie bei Tieren in Europa.

Seit 2008 werden hier krebskranke Haustiere untersucht und behandelt.

Zum Einsatz kommen Geräte aus der Humanmedizin. Diagnostiziert wird mit Ultraschall, Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT).

Im Zentrum steht oft nicht die Heilung, sondern die palliative Behandlung. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Tiere möglichst lange zu erhalten.

Operiert wird in der Klinik selbst nicht. Zum Einsatz kommen Chemotherapien, Immuntherapien, Elektro-Chemotherapien sowie Strahlentherapien.

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«Krebs beim Haustier ist schon lange kein Todesurteil mehr.» Geschäftsführerin Andrea Sumova und die medizinische Onkologin Ludmila Bicanova im Nau.ch-Interview. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Die Chemotherapie erfolgt in der Regel nicht am Tropf, sondern je nach Protokoll via Spritze oder in Tablettenform.

Die Nebenwirkungen sind gering und bestehen meist aus leichten Verdauungsbeschwerden am dritten bis fünften Tag nach der Chemotherapie. Die tierischen Patienten erhalten deshalb ein «Notfallpaket» mit Medikamenten.

Tiere verlieren Fell bei Chemotherapie nicht

Haarausfall als Nebenwirkung kennen die Tiere hingegen nicht – nur Katzen können ihre Schnurrhaare verlieren. Diese wachsen nach Ende der Therapie wieder nach.

Bei der Bestrahlung arbeitet das Zentrum mit einem sogenannten Linearbeschleuniger.

Dieser richtet die Strahlen gezielt auf den Tumor, während gesundes Gewebe geschont wird.

Bestrahlung
Am Computer wird berechnet, welche Fraktionen bestrahlt werden müssen. Die Bestrahlung erfolgt punktuell und genau. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen lokale Reizungen an Haut oder Schleimhaut.

Für Diagnostik und Behandlung müssen die Tiere jeweils in eine leichte Narkose gelegt werden.

«Im Gegensatz zur Humanmedizin therapieren wir weniger aggressiv», sagt Sumova. Die Dosen seien kleiner.

«Wir therapieren nur so viel wie nötig ist. Unser Ziel ist es, die Lebensqualität der Tiere zu verbessern.»

Jeder dritte Hund erkrankt an Krebs

Die Parallelen zur Krebsmedizin beim Menschen sind gross.

«Krebs beim Haustier ist ziemlich ähnlich zum Krebs beim Menschen», sagt die medizinische Onkologin Ludmila Bicanova.

Die Krankheit ist weit verbreitet. «Jeder dritte Hund und jede fünfte Katze erkrankt an Krebs», sagt sie.

Die meisten Patienten in Hünenberg sind Hunde.

Doch auch Katzen werden immer häufiger behandelt: Immer mehr Büsis kommen zur Krebsbehandlung in die Klinik.

Eines davon ist Kater Louis. Bei ihm wird 2024 ein Darmlymphom diagnostiziert.

Für Besitzerin Eva Skoupa kommt die Diagnose aus heiterem Himmel.

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Kater Louis hat Darmkrebs – Dank Chemotherapie hat er überlebt. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Kurz zuvor scheint noch alles in Ordnung. Dann geht plötzlich alles ganz schnell.

«Also das alles ging innerhalb von drei, vier Tagen.»

Die Diagnose ihres Katers trifft sie hart. «Sie wollen das nicht glauben.»

Besonders die Prognose bleibt ihr in Erinnerung. «Und dann, wenn Sie später hören, dass er nur noch neun Monate zu leben hat, ist das noch schlimmer.»

«Chance, dass alles gut kommt, ist da»

Es folgt eine rund fünfmonatige Chemotherapie. Louis spricht überraschend gut auf die Behandlung an.

Sein Zustand verbessert sich rasch und auch die Blutwerte erholen sich. «Er hat extrem schnell reagiert.»

Heute geht es dem Kater gut. Nach Abschluss der Therapie kommt er nur noch für sogenannte Re-Staging-Untersuchungen nach Hünenberg.

Dabei wird regelmässig überprüft, ob die Krankheit weiterhin unter Kontrolle ist oder Anzeichen für ein Fortschreiten des Krebses bestehen.

Für Skoupa ist Louis deshalb ein Hoffnungsträger für andere Tierhalter. «Die Chance, dass das alles in Ordnung kommt, ist da. Louis ist der Beweis.»

Besonders häufig bei Haustieren tritt Lymphdrüsenkrebs auf, das sogenannte Lymphom.

Zigaretten-Rauch erhöht Risiko für Krebs – auch beim Haustier

Wie beim Menschen spielen viele Faktoren eine Rolle – von der Genetik bis zur Umwelt.

Bestimmte Risiken sind bekannt. «In Familien, in denen intensiv geraucht wird, erkrankt das Tier häufiger an Krebs», so die medizinische Onkologin Ludmila Bicanova.

Auch der Kontakt mit Unkrautvernichtungsmitteln, sogenannten Herbiziden, kann das Risiko erhöhen.

Ebenso stehen gewisse Stoffe aus Futtermittelverpackungen im Verdacht, Krebs auszulösen.

Die Behandlung hat ihren Preis. Je nach Stadium und Therapie kostet sie mehrere Hundert bis mehrere Tausend Franken. Eine Ratenzahlung ist möglich.

Wie stehst du zu Chemo- oder Strahlentherapien für Haustiere?

«Wir versuchen immer mit dem Besitzer zusammen eine passende Lösung zu finden», erklärt Sumova. «Wir können auch schon mit wenigen Mitteln viel erreichen.»

Trotzdem bleibt die Frage nach dem Sinn solcher Behandlungen im Raum. Braucht es das wirklich?

«Ich verstehe, dass das Thema polarisiert», sagt Sumova. «Doch wenn ein Tier leidet, ist es unsere Aufgabe, dem Tier zu helfen.»

Unverständnis auch im Umfeld

Dass das Thema polarisiert, erlebt auch Joseph Meier.

Seine Hündin Ayda hat Lymphdrüsenkrebs und wird mit einer Chemotherapie behandelt.

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«Wir sind in einem wohlhabenden Land. Da ist es auch normal, dass man zu seinem Haustier auch gut schaut», findet Joseph Meier, Besitzer von Hündin Ayda. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Er erzählt: «Auch in meinem Umfeld können manche nicht verstehen, warum für einen Hund so viel Zeit und Geld aufgewendet wird.»

Denn: «Schliesslich kostet die Therapie jetzt mehr, als der Hund mich mal gekostet hat.»

Für die Behandlung seiner bald 14-jährigen Hündin hat Meier bereits einen höheren vierstelligen Betrag ausgegeben. «Mit der Therapie holen wir noch Zeit raus.»

«Normal in einem wohlhabenden Land»

Für ihn ist klar: «Ich würde das wieder machen.» Gerade auch, weil die Therapie gut angeschlagen hat.

Meier erklärt: «So ein Hund hat einen sehr hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft.»

Und deshalb sagt er auch: «Wir sind in einem wohlhabenden Land. Da ist es auch normal, dass man zu seinem Haustier auch gut schaut.»

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