Zug

Zuger Expat-Hochburgen sagten ja zur «10-Mio.-Schweiz»

Sina Barnert
Sina Barnert

Region Zug,

Die «10-Millionen»-Initiative der SVP ging an der Urne mit 54,8 Prozent Nein-Stimmen unter. Doch ausgerechnet in zwei Zuger Expat-Gemeinden wurde sie angenommen.

Expat-Gemeinden
Die zwei Zuger Expat-Gemeinden Walchwil und Risch haben die «10-Millionen»-Initiative der SVP angenommen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Am Abstimmungssonntag wurde die SVP-Initiative zur «10-Millionen-Schweiz» versenkt.
  • Doch ausgerechnet zwei Expat-Gemeinden im Kanton Zug nahmen sie an.
  • Das liege aber eher an der ländlichen Prägung als an zu viel Zuwanderung, meinen Experten.

Wochenlang war sie in der Schweiz ein Gesprächsthema und spaltete das Land: Die Begrenzungsinitiative zur «10-Millionen-Schweiz» der SVP.

Gestern nun ging sie an der Urne bachab. Mit 54,8 Prozent Nein-Stimmen wurde sie abgelehnt. Zudem scheiterte die Initiative auch am Ständemehr, selbst einige ländliche Kantone lehnten sie ab.

Auch der Kanton Zug sagte mit 52,5 Prozent Nein zur Initiative der SVP. Das bei einer Stimmbeteiligung von 67,8 Prozent.

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SVP-Chef Marcel Dettling ist am Sonntag nicht zum Feiern zumute. - Nau.ch/Matthias Bärlocher

Nur: Ausgerechnet in der Zuger Gemeinde Walchwil, wo 27 Prozent der Bevölkerung Englisch spricht, ist die Vorlage angenommen worden. So auch in Risch, einer weiteren Gemeinde, die für viele Expats bekannt ist.

Zufall? Oder sind fast ein Drittel Fremdsprachige eben doch zu viel für die Akzeptanz in einer Gemeinde?

«Wenn ein Dorf sich plötzlich verdoppelt, führt das zu Widerstand»

Tatsächlich hat sich die Forschung auch schon damit auseinandergesetzt.

Soziologe Didier Ruedin meint dazu gegenüber Nau.ch: «Es gibt wissenschaftlich keinen Punkt, an dem die Zuwanderung ‹zu viel› ist.»

Dies sei individuell und komme stark auf die Dynamik der Zuwanderung an. Kämen beispielsweise in einer kleinen Gemeinde schnell viele Zuwanderer dazu, löse dies oft Skepsis aus.

Hast du für oder gegen die «10-Millionen»-Initiative gestimmt?

«Wenn ein Dorf sich plötzlich verdoppelt, führt das zu Widerstand», so Ruedin. Entscheidend sei das Tempo der Zuwanderung, aber auch die soziale Integration.

Aber: «Faktoren für ein ‹zu viel› gibt es nicht. Das wurde wissenschaftlich erforscht – ohne Ergebnis.»

Expat-Gemeinden sind ländlich geprägt und haben hohen SVP-Wähleranteil

Politikwissenschaftler Oliver Strijbis erstaunt das Abstimmungsergebnis in den beiden Expat-Gemeinden nicht.

Denn: «Risch und Walchwil sind ländlich geprägt mit hohen Wähleranteilen von SVP und Mitte», erklärt er. «Es ist daher sicher nicht überraschend, dass der Ja-Stimmenanteil relativ hoch war.»

SVP
Walchwil und Risch sind ländlich geprägt und haben einen hohen SVP-Wähleranteil. Dementsprechend überrascht ein Ja zur «10-Millionen»-Initiative nicht. - keystone

Die zwei Gemeinden haben einen höheren Anteil an Expats als die Nachbargemeinden. Und einen höheren Ja-Stimmen-Anteil als Baar oder Cham.

Für ihn ist darum denkbar, dass den Einheimischen auch die Zuwanderung von wohlhabenden und gut ausgebildeten Fachkräften zu viel geworden sei.

Doch, relativiert Strijbis: «Die Zustimmung zur Initiative war eher geprägt von nationalen Debatten als ein Ausdruck von Migrationserfahrung vor Ort.»

«Soziale Durchmischung ist der wichtigste Faktor»

Wichtig ist laut Soziologe Didier Ruedin, dass die Abstimmung ernst genommen werde. Denn diese zeige, dass es Handlungsbedarf gebe. Insbesondere bei Infrastruktur und auf dem Wohnungsmarkt.

«Soziale Durchmischung ist aber der wichtigste Faktor.» Denn: «Wenn es keine Durchmischung gibt, werden vor allem negative Dinge projiziert.»

Wie wichtig findest du soziale Durchmischung bei der Raumplanung?

Ein wichtiger Faktor seien dabei auch die Schulen, wo Expat-Kinder und die Kinder von Einheimischen zusammenkämen. Das fördere eine Durchmischung, während ein separiertes Leben zu Problemen führe.

Nau.ch hat auch bei den betroffenen Gemeinden nachgefragt: Welche Bedeutung messen Sie dem Abstimmungsresultat zu?

Gemeinde erklärt: «Wir verstehen das Resultat nicht als pauschale Ablehnung»

Stefan Hermann, Gemeindepräsident von Walchwil, meint dazu: «Der Gemeinderat nimmt das Resultat ernst.»

Doch das Ergebnis sei differenziert zu betrachten. Denn: «In ländlichen Gemeinden der Deutschschweiz lag die Zustimmung zur Initiative bei rund 61 Prozent.» In Walchwil liege man mit knapp 52 Prozent unter diesem Wert.

«Wir verstehen das Resultat nicht als pauschale Ablehnung, sondern nehmen die Anliegen der gesamten Bevölkerung ernst», meint Hermann.

Das tue man unabhängig von Herkunft oder Nationalität. «Dabei berücksichtigen wir immer auch die Perspektiven der länger ansässigen Bevölkerung.»

«Offenheit ist eine Stärke»

Man verstehe sich nicht als «Expat-Gemeinde». Denn: «Der Zusammenhalt der gesamten Bevölkerung steht im Vordergrund.»

Der Austausch zwischen Einheimischen und Zugezogenen werde zudem aktiv gefördert.

Walchwil
Offenheit sei eine Stärke der Gemeinde Walchwil, erklärt der Gemeindepräsident. Die Durchmischung zwischen Einheimischen und Zugezogenen werde aktiv gefördert. - keystone

«Gleichzeitig bleibt Walchwil auch für internationale Fachkräfte attraktiv. Diese Offenheit ist eine Stärke, sofern sie mit lokaler Verankerung verbunden bleibt.»

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